Speziesismus
Speziesismus bezeichnet die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Der Begriff hilft, gesellschaftliche Hierarchien zwischen Menschen und Tieren zu hinterfragen.
Aktualisiert · 24. August 2026
Kurze Antwort
Speziesismus ist die Diskriminierung von Lebewesen allein wegen ihrer Artzugehörigkeit. Ähnlich wie Rassismus oder Sexismus wertet er bestimmte Individuen ab, nur weil sie einer anderen Gruppe angehören. Der Begriff wurde 1970 von Richard Ryder geprägt und durch Peter Singer bekannt gemacht. Er beschreibt die Annahme, dass Menschen grundsätzlich mehr wert sind als andere Tiere.
Das Wichtigste
- Speziesismus bezeichnet die Benachteiligung von Tieren allein aufgrund ihrer Artzugehörigkeit.
- Der Begriff wurde 1970 vom britischen Psychologen Richard Ryder geprägt.
- Speziesismus zeigt sich in unterschiedlichen Rechtsstatus, Nutzungsformen und Schlachtnormen für verschiedene Tierarten.
- Kritiker argumentieren, dass Speziesismus eine willkürliche Grenze zieht, die moralisch nicht begründbar ist.
- Speziesismus ist eng mit Veganismus und Tierrechten verbunden, aber nicht identisch mit ihnen.
In unserem Alltag behandeln wir Tiere höchst unterschiedlich: Hunde gelten als Familienmitglieder, Schweine als Nutztiere. Diese Ungleichbehandlung hat einen Namen: Speziesismus. Das Konzept hilft, die ethischen Widersprüche im Umgang mit Tieren zu verstehen.
Definition
Speziesismus bezeichnet die Diskriminierung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Der britische Psychologe Richard Ryder prägte den Begriff 1970, um die vorherrschende Haltung zu beschreiben, die menschliche Interessen grundsätzlich über die nichtmenschlicher Tiere stellt.
Der Philosoph Peter Singer verbreitete das Konzept 1975 in seinem Buch „Animal Liberation“. Er verglich Speziesismus mit Rassismus und Sexismus: In allen drei Fällen werde eine Gruppe willkürlich benachteiligt. Die Gemeinsamkeit liege in der „Gleichheit der Interessen“ – gleiche Interessen sollten unabhängig von Art, Geschlecht oder Hautfarbe gleiches Gewicht haben.
Abgrenzung von Tierschutz
Speziesismus beschreibt die strukturelle Ungleichbehandlung, nicht einzelne Grausamkeiten. Tierschutzgesetze existieren, aber sie gehen oft von einer grundsätzlichen Nutzbarkeit von Tieren aus. Speziesismus ist damit die Grundlage, auf der Nutztierhaltung überhaupt erst gerechtfertigt wird.
Wo man ihn sieht
Speziesismus zeigt sich in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen. Eines der deutlichsten Beispiele ist das Rechtssystem: Während Hunde und Katzen in Deutschland als „Haustiere“ besonderen Schutz genießen, gelten Schweine, Rinder und Hühner als „Nutztiere“. Ihr Leben wird rechtlich anders bewertet, obwohl ihre Empfindungsfähigkeit vergleichbar ist.
Auch in der Sprache wird Speziesismus sichtbar. Wir sprechen von „Schlachtung“, „Viehbestehen“ und „Produktionseinheiten“, während wir bei Haustieren Begriffe wie „Euthanasie“ verwenden. Diese Sprachmuster beeinflussen unsere Wahrnehmung und moralische Bewertung.
Alltägliche Beispiele für Speziesismus:
- „Nutztiere“ werden nach Effizienzkriterien gezüchtet, Haustiere nach Charakter und Ästhetik.
- Hunde erhalten medizinische Versorgung, die in vielen Ländern für Schweine nicht zugänglich ist.
- Tierschutzgesetze unterscheiden zwischen „wilden“, „heimischen“ und „Zucht“-Tieren mit unterschiedlichen Schutzstandards.
- Ethische Fragen zur Tierhaltung werden fast immer auf „Nutztiere“ reduziert, während andere Arten ignoriert werden.
Warum der Begriff umstritten ist
Speziesismus ist nicht nur ein beschreibender Begriff, sondern auch eine ethische Anklage. Gegner des Konzepts argumentieren, dass eine unterschiedliche Behandlung von Tieren und Menschen gerechtfertigt sei, weil Menschen rationale Fähigkeiten besitzen, die andere Tiere nicht haben. Diese Moraltheorie wird oft mit Kant und der Aufklärung verbunden.
Ein weiterer Einwand betrifft die Vergleichbarkeit von Diskriminierungsformen. Kritiker, auch aus marginalisierten Gruppen, weisen darauf hin, dass Rassismus und Sexismus historisch mit Versklavung und Unterdrückung verbunden sind, während Tiernutzung in der Menschheitsgeschichte immer präsent war. Die Gleichsetzung beider Phänomene kann Verletzungen hervorrufen.
Befürworter des Begriffs betonen hingegen: Speziesismus funktioniert strukturell ähnlich wie andere Diskriminierungsformen. Er schreibt einer Gruppe von Individuen einen geringeren moralischen Status zu, ohne deren individuelle Fähigkeiten zu berücksichtigen. Die Anthropologin und Philosophin Eva Meijer argumentiert, dass Speziesismus nicht nur Tiere schädigt, sondern auch unser Verhältnis zur Natur und zu uns selbst.
Verwandte Begriffe
Speziesismus ist eng mit anderen Konzepten verbunden, die in der Tierethik verwendet werden:
- Veganismus: Die praktische Konsequenz aus der Ablehnung von Speziesismus – der Verzicht auf tierische Produkte.
- Tierrechte: Die Forderung, Tieren grundlegende Rechte zuzusprechen, die sie vor Ausbeutung schützen.
- Tierschutz: Ein pragmatischerer Ansatz, der das Wohlbefinden von Tieren verbessern will, ohne die Nutzung grundsätzlich infrage zu stellen.
- Anthropozentrismus: Die menschzentrierte Weltsicht, die Speziesismus oft begründet.
- Anti-Speziesismus: Soziale Bewegungen, die für die Gleichberechtigung aller empfindungsfähigen Wesen eintreten.
Diese Begriffe werden oft synonym verwendet, haben aber unterschiedliche Schwerpunkte. Speziesismus ist die Diagnose, Tierrechte und Veganismus sind mögliche Antworten darauf.
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